Darum bin ich nicht ins Stadion gegangen

Über den angekündigten Derbyboykott der Kölner in Gladbach in der Rückrunde wurde im Vorfeld viel geschrieben, gestritten und diskutiert. Da es ein großes Thema in Köln war, wollten wir das Thema auch nach der Aktion angehen und haben für das Fanzine „Kölsch live“, das auch gleichzeitig die Mitgliederzeitschrift des Kölner Fan-Projekts ist, ein Pro/Contra geschrieben. Meine Aufgabenstellung: Ein Aufsatz mit dem Titel: „Darum bin ich nicht ins Stadion gegangen“. Erschienen im aktuellen Heft „Kölsch live“ (2/2016).

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Die Sache mit dem „Schland“

 

Warum ein Autocross nach dem ersten Gruppenspiel?

 

 

Die WM in Brasilien läuft auf Hochtouren, endlich gibt es die tägliche Fußball-Dosis. Doch ich habe natürlich trotzdem was zu meckern:

 

Die Sache mit dem „Schland“

Alkohol geschwängerter Party-Patriotismus liegt in der Luft, wild hupende Autokorsos verstopfen die Innenstädte und der Bundesadler blickt vom Dach jeder zweiten Dorfkneipe.

Nehmt euch in Acht, denn die schwarz-rot-geile Herde zieht wieder durch die Straßen.

Nach dem einem der Vorrundenspiele mit deutscher Beteiligung bin ich auf dem Heimweg von der Arbeit in einen beflaggten Autokorso geraten.

Ich war verstört und sauer zugleich, hupten mich die Teilnehmer doch unverfroren an, lehnten sich aus den heruntergelassenen Autofenstern und brüllten mir „Schlaaaaand“ entgegen. Angenervt kurbelte ich meine Fensterscheiben hoch und drehte die Musik lauter.

Zu spät, denn die Bierfahne des jungen Mannes, der mich bei seinem Ausruf anschielte, hatte sich nachhaltig in mein Riechorgan eingebrannt. Trotz lauter Musik konnte ich sie noch hören: „Schlaaaand!“ Richtig schlimm finde ich auch diese unsäglichen Rückspiegelkondome, natürlich auch in schwarz-rot-geil. Beflaggte Autos. Personenkraftwagen! Ich brech‘ ab.

Ich werde temporärer Fußball-Misanthrop. Das ist sehr schade, denn eigentlich bin ich glühender Fußballfan. Begeistert, fast euphorisch, pilgere ich jedes zweite Wochenende zum Stadion meines Vertrauens, um meine Mannschaft zu unterstützen. Und dann singe ich mit, so laut ich kann.

Für mich wäre es das Größte, würde die Bundesliga im Sommer durchspielen. Auch die WM als Menschen verbindendes Fußballturnier finde ich an sich nicht schlecht, wenn man fragwürdige Vergabekriterien der FIFA und die arrogante Missachtung sozialer Probleme vor Ort ausklammert. Wenn das möglich ist.

Rein sportlich drücke ich der deutschen Mannschaft die Daumen, warum auch nicht?! Ich sitze gern mit meinen Freunden zusammen, analysiere das Spiel und erfreue mich an schönen Spielzügen (mit denen bei meinem Lieblingsverein eher gegeizt wird). Natürlich schaue ich gerne WM!

Was mich aber stört, ist, wenn König Fußball das Ruder in den Köpfen der Leute übernimmt. Und Menschenmassen stumpf mit schwarz-rot-geilen Fahnen wedeln.

Mich stören Sonderausgaben der Bild-Zeitung, die ungefragt ihren Weg in meinen Briefkasten finden, Deutschland-Aufklebe-Schnurrbärte und Cowboyhüte.

Oder eben Menschen, die mir „Schlaaaaaaand“ entgegen brüllen. Geht es da um Freude am Fußball? Ich bin mir da nicht sicher. Eher eine Art von Party-Patriotismus, den finde ich fürchterlich. Für Nationalmannschaft und Fans gilt während dieser WM anscheinend gleichermaßen: B(e)reit wie nie!

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